Logo regiolog Wissenslandkarte Netzwerk und Service Verkehr und Logistik Medizintechnik Mechatronik und Automation Informations- und Komunikationstechnik Energie- und Umwelttechnik regiolog.com Homepage Metropolregion Nürnberg
>Startseite
Sonntag, 20.05.2012

Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer - Gesundheitswirtschaft - "med. in Germany“

Magazin | Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer | 28.08.2009

In der Öffentlichkeit wird das Gesundheitssystem immer noch gerne als volkswirtschaftlicher Kostenmoloch dargestellt, der zu überbordenden Sozialabgaben bei Arbeitgebern für ihre Mitarbeiter führt und letztlich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gefährdet. Viel zu wenig wird allerdings über den volkswirtschaftlichen Beitrag der Gesundheitswirtschaft gesprochen.


Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer

Das deutsche Gesundheitswesen beschäftigt 4.3 Mio. Menschen, und 240 Mrd. Euro werden jährlich im 1. Gesundheitsmarkt in Deutschland ausgegeben. Zusätzlich entfallen noch einmal Ausgaben in Höhe von ca. 20 Mrd. Euro auf den 2. Gesundheitsmarkt (Konsumbereiche mit Gesundheitsbezug: z.B. Fitness, Wellness, Gesundheitstourismus, Bio Lebensmittel oder Functional Food, etc.).

Damit ist der Bereich Gesundheit schon heute einer der bedeutendsten Wirtschaftszweige in Deutschland und stellt manch andere, wesentlich bekanntere Industriezweige deutlich in den Schatten.

Bei den Diskussionen über die Kosten des deutschen Gesundheitssystems, darf zudem nicht vergessen werden, welche gesamtgesellschaftliche Bedeutung diesem System zukommt.

Gesundheit ist nicht alles, aber ohne Gesundheit ist – in Anlehnung an ein geflügeltes Wort (Goethe) über das Geld – alles nichts. Die Gesundheit der Bürger ist eine ganz wesentliche Voraussetzung für die ökonomische Entwicklung und Wertschöpfung eines Landes. Gesundheit beschäftigt die Menschen in zunehmendem Maße, sie steht ganz oben auf der Liste der Lebenswünsche. Und sicher ist: Nach der weitgehenden Absicherung der großen sozialen Risiken wird in einer dramatisch alternden Gesellschaft die individuelle und kollektive Gesundheit zum Thema zentralen Interesses.

In wichtigen Schlüsseltechnologien, die künftig von höherer gesamtwirtschaftlicher Bedeutung sein werden, wie z.B. der Unterhaltungselektronik, der Mikroelektronik und der gesamten Biotechnologie, ist Deutschland im internationalen Vergleich bereits ins Hintertreffen geraten. Dagegen ist die deutsche Ausgangslage in den Wachstumsmärkten Medizintechnik und der Umwelttechnologie als wesentlich positiver zu betrachten.

Die deutsche Medizintechnikindustrie setzte im Jahr 2006 15.9 Mrd. Euro um (Inland: 5.7 Mrd. Euro; Export: 10.2 Mrd. Euro). Beim Export medizintechnischer Produkte liegt Deutschland mit einem Welthandelsanteil von 14.6 Prozent nach den USA weltweit an der 2. Stelle.

Allerdings kämpft auch die international anerkannte und erfolgreiche deutsche Medizintechnikbranche, wie auch die gesamte Gesundheitswirtschaft, mit den im internationalen Vergleich nachteiligen Standortfaktoren in Deutschland. Vornehmlich sind hier zu nennen: (1) die zeitverzögerte Einführung von Innovationen in die medizinischen Vergütungssysteme (2) eine immer noch geringe Bereitschaft zur Vergabe von Risikokapital, welches aber für die Umsetzung von Innovationen in marktreife Produkte dringend erforderlich ist; (3) mangelnde Interdisziplinarität in der Forschungslandschaft (Stichwort: Cluster); (4) verbesserungswürdige Zusammenarbeit der Ministerien im Bereich Gesundheit und Innovation (Bundesministerium für Bildung und Forschung, Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie und Bundesministerium für Gesundheit) und die bisher fehlende Umsetzung eines deutschlandweiten „Masterplans Gesundheitswirtschaft“.

Wenn richtig eingesetzt, tragen medizintechnische Innovationen schon heute oftmals dazu bei, daß Behandlungen wesentlich schonender für den Patienten und unter Berücksichtigung der direkten und indirekten Kosten auch kostengünstiger durchgeführt werden können. Beispiele für medizintechnische Innovationsbereiche, die künftig einen herausragenden Beitrag in der medizinischen Versorgung leisten können, sind z.B. intelligente und hochauflösende bildgebende Systeme, Minituarisierung und neue Werkstoffe für medizinische Geräte, Instrumentarien und Implantate, und telemedizinische Applikationen.

Wichtig bei allem medizintechnischem Fortschritt und zunehmender Technisierung der Medizin ist allerdings, daß der persönliche Kontakt zwischen Therapeut und Patient nicht weiter verloren geht, sondern verstärkt in den Vordergrund rückt!

Allerdings hängt der Erhalt der Gesundheit nicht allein vom „teuren“ medizinischen Fortschritt ab.

So stehen Krankheiten wie Rückenschmerz, Herz-Kreislauf Erkrankungen und zunehmend auch psychische Erkrankungen als Auslöser für Arbeitsunfähigkeitstage ganz weit oben in den Statistiken und verursachen jährliche Behandlungskosten in zweistelliger Milliardenhöhe. Dabei sind Rückenschmerzen, aber auch Herz-Kreislauf Erkrankungen zum Großteil auf mangelnde Bewegung und einen unausgewogenen Lebensstil zurückzuführen. Um das Bewusstsein der Bevölkerung für einfachstes primärpräventives Verhalten zu schärfen, scheint die Einführung des Gesundheitsunterrichts an Schulen zwingend notwendig. Dies vor allem auch vor dem Hintergrund, daß immer mehr Menschen schon im Kindesalter an Übergewicht oder Rückenschmerzen leiden. Später im Beruf, kommt den betrieblichen Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge eine wichtige Rolle zu. Neben Angeboten wie z.B. Aufklärungsbroschüren über rückengerechtes Verhalten am Arbeitsplatz, Betriebssport, gesundem Essen und Angebote für regelmäßige Gesundheits-Check ups, sollte eine effektive betriebliche Gesundheitsvorsorge auch die Überwachung der work-life-balance und der psychischen Gesundheit der Mitarbeiter beinhalten. Hierdurch ließen sich insbesondere die psychischen Erkrankungen, die zumeist durch den Alltag am Arbeitsplatz ausgelöst werden, effektiv eindämmen.

Im Kontext der stetig wachsenden Europäischen Gemeinschaft und zunehmender Globalisierung, ist es meine Vision, daß sich Deutschland international als Gesundheitsland präsentiert. Das Leitmotiv sollte dabei sein, in Analogie zum früheren Gütesiegel „made in Germany“ das weltweit anerkannte Gütesiegel „med. in Germany“ zu etablieren – und dieses würde dann für hochwertige Medizin wie Medizintechnik gleichermaßen gelten. Und nicht nur große Unternehmen, sondern gerade klein- und mittelständige Betriebe können hier eine wesentliche Rolle spielen, wie sich auch hier im Raum Erlangen zeigt.