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Montag, 12.09.2011

Abkehr von der Nutzung fossiler Energien

Magazin | Dr. Martin Hundhausen | 14.08.2007

Professor Dr. Martin Hundhausen, vom Institut für Physik der Kondensierten Materie der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Experte für Solarenergie, über das Erlanger Umweltjahr sowie kommunale und private Handlungsräume für den Klimaschutz.


Solarmobil für den Umweltschutz: Martin Hundhausen mit Familie, Foto: privat

Die Stadt Erlangen steht 2007 ganz im Zeichen der Umwelt. Sie haben sich bereits aktiv mit diversen Veranstaltungen an natürlichERLANGEN 2007 beteiligt. Können Sie diese kurz beschreiben?

Wir - das ist der gemeinnützige Verein Sonnenenergie Erlangen e.V. - haben maßgeblich zwei Projekte zum Umweltjahr beigesteuert: Das eine ist die Eisblockwette am Hugenottenplatz. Dazu wurden zwei 1,8 Kubikmeter große Eisblöcke in zwei Häusern mit unterschiedlichen Energiestandards aufgestellt. Unter dem Einfluss sommerlicher Hitze schmolzen sie darin nach und nach ab. Das eine Haus ist ein EnEV-Haus, errichtet nach dem gesetzlichen Standard für Neubauten. Das andere ist ein so genanntes Passivhaus.
Das Wettrennen um die bessere Isolierfähigkeit hat das EnEV-Haus bereits verloren. Schon Anfang Juni, 40 Tage nach Aktionsbeginn, war der Eisblock darin komplett verschwunden. Im Passivhaus ist noch Eis vorhanden und das Schmelzen dauert weiterhin an. Die Eisblockwette macht deutlich, dass ein Passivhaus wesentlich effizienter mit Energie umgeht als konventionelle Neubauten. Der Heizenergieverbrauch lässt sich mit dem Passivhaus um 90 Prozent senken. Somit amortisieren sich auch die Mehrkosten.
Die Eisblockwette stieß bereits auf viel Resonanz. Das Bayerische Fernsehen und die Presse haben berichtet und immer wieder beobachte ich Menschen, die vor den Häusern am Hugenottenplatz stehen bleiben, die Informationstafel lesen und sich einen Flyer mitnehmen.
Flankierend wird im Oktober am bundesweiten Tag des Passivhauses eine weitere Veranstaltung durchgeführt. Dort kann man sich dann umfassend über moderne Baukonzepte informieren und auch verschiedene Passivhäuser besichtigen. Die Bürger können übrigens noch bis November Tipps zum verbleibenden Eisblock abgeben.
Da der Klimawandel die Generation unserer Kinder noch viel stärker betreffen wird als uns selbst, haben wir mit unserem zweiten Projekt vor allem den Nachwuchs im Blick. Unser Ziel ist es, im Umweltjahr an jeder Erlanger Schule eine Solaranlage zu realisieren. Die Schüler sollen so konkrete Erfahrungen mit der Solarenergie sammeln können.
Wir werden voraussichtlich noch im Sommer alle öffentlichen Schulen der Stadt mit Solarstromanlagen ausgestattet haben. Erlangen ist dann die erste Großstadt, in der jede öffentliche Schule Sonnenenergie nutzt.
Am Albert-Schweitzer-Gymnasium fand außerdem am Tag der erneuerbaren Energien im April eine große Veranstaltung statt, bei der verschiedene Klassen über ihre Projekte aus dem Physikunterricht berichteten.

Wie schätzen Sie das Bewusstsein der Bevölkerung gegenüber Klima- und Umweltschutz ein und welchen Beitrag leistet das Umweltjahr in diesem Sinne?

Die Aufmerksamkeit für den Klimaschutz ist momentan sehr hoch. Es wird immer offensichtlicher, dass die gegenwärtige Energieversorgung mit fossilen und nuklearen Energien eine Sackgasse ist. Ausbrechen können wir da nur mit regenerativen Energiequellen und höherer Energieeffizienz. Das gilt natürlich deutschlandweit. Und auch die Brandkatastrophen überall auf der Welt oder aber die Flutkatastrophe jüngst in Baiersdorf und anderen Orten im Landkreis Erlangen-Höchstadt steigern das Bewusstsein der Menschen. In Erlangen wird es zudem durch das Umweltjahr verstärkt. In der Tat kann man natürlichERLANGEN 2007 in diesem Zusammenhang als Punktlandung bezeichnen. An der Universität wurden zum Beispiel zu diesem Thema während des Sommersemesters viele interessante Vorträge gehalten. Sie waren alle sehr gut besucht und die Zuhörer haben sich stets aktiv an der Diskussion beteiligt und nachgefragt.

Und was könnte getan werden, um das Thema auch nach dem Umweltjahr dauerhaft auf der Agenda der Stadt Erlangen und in der öffentlichen Diskussion zu halten?

Tatsächlich sehe ich die Gefahr, dass viele Verantwortliche ab 2008 erst einmal "genug Umwelt gehabt haben". Wichtige Umweltfragen könnten dann in der kommenden Zeit in der Priorität zurückgestuft werden.
Dies darf unter keinen Umständen geschehen. Das Umweltjahr war nur dann erfolgreich, wenn das Thema nachhaltig auf der Agenda bleibt.
Die Themen Klimaschutz und Energieversorgung bleiben regional und global zweifellos aktuell, schon weil die Naturkatastrophen nicht abreißen und die Energiepreise immer weiter steigen werden.
Wir sollten in Erlangen erreichen, dass alles, was wir im Umweltjahr plakativ gemacht haben, nach und nach standardmäßig umgesetzt wird. Für unsere Projekte heißt das: Warum können nicht mindestens 50 % aller Neubauten in Passivhausbauweise realisiert werden? Warum kann nicht jedes neue Haus eine Solaranlage bekommen? Und warum sollten bei Sanierungsmaßnahmen im Wohnbestand nicht die Passivhausbauweise zum Standard werden wie auch die Nachrüstung zur Nutzung der Sonnenenergie?
All das wird natürlich nicht ohne Unterstützung durch die Politik und die Stadtverwaltung gelingen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass - um nur ein Beispiel zu nennen - das mit 40.000 Euro im Umweltjahr viel zu niedrige Budget zur Unterstützung privater Energiesparmassnahmen ab 2008 aufgestockt wird.
Dass in Erlangen jährlich über 200 Millionen Euro für Energie ausgegeben werden - mit steigender Tendenz - zeigt, dass wesentlich höhere investive Anstrengungen notwendig und auch möglich sind, schon um die Energie-Abhängigkeit unserer Stadt nachhaltig zu senken.

Welche konkreten Maßnahmen empfehlen Sie für den Umweltschutz?

Die Tarifsysteme für Energie wie Erdgas oder Fernwärme und Strom behindern leider die Energiewende. Effiziente Häuser sind mit erheblich höheren Arbeitspreisen konfrontiert, während den Großverbrauchern die Energie immer noch sehr billig (wenn auch bei steigenden Preisen) "nachgeschmissen" wird. Dadurch gibt es auch wenig Anreiz z.B. bessere Haushaltsgeräte zu kaufen oder ein Passivhaus zu bauen. Die Tarife müssen also linearisiert werden.
Der notwendige Ausbau der regenerativen Energien in Erlangen - und das betrifft vor allem die dezentrale Solarenergie - muss forciert werden. Mit einer solaren Baupflicht im Neubau, wie sie gegenwärtig auch als
Modell für ganz Deutschland diskutiert wird, könnte Erlangen Vorreiter werden. Aber auch im Wohnbestand mit seinem riesigen Potenzial könnten Anreize geschaffen werden. Die Wohnungsbaugesellschaften könnten zum Beispiel geeignete Dachflächen für Bürgersolaranlagen zur Verfügung stellen, die das Handwerk gemeinsam mit Stadtwerken und Sparkassen umsetzt. Das eigentliche Potenzial der dezentralen regenerativen Energien liegt jedoch bei den unzähligen Einfamilienhäusern. Da passt dann nur eine relativ kleine Solaranlage aufs Dach, die produziert aber genügend Strom für einen Haushalt. Da die spezifischen Kosten hier etwas höher sind als bei größeren Solaranlagen etwa bei Wohnungsbaugesellschaften, sollte die Stadtverwaltung aktiv auf die Bürger zugehen und - auch mit kleinen Zusatzanreizen - diese als grüne Stromproduzenten gewinnen.
Hier könnte die Stadtverwaltung nach dem Beispiel von Herzogenaurach ohne Weiteres die Konzessionsabgabe für regenerativen Strom verwenden, denn die Konzession für die Verlegung von Stromleitungen zum Endverbraucher vergibt die Stadt. Bei dezentralen Solaranlagen wird der in der unmittelbaren Nachbarschaft erzeugte Strom genutzt. Somit wird auch weniger Kapazität der im städtischen Grund verlegten Netze gebraucht.

Wie schützen Sie selbst aktiv die Umwelt?

Wirklicher Umweltschutz erfordert eine komplette Abkehr von fossilen Brennstoffen. Es geht also um die 100-prozentige Nutzung regenerativer Energien. Das Ziel haben meine Familie und ich mit unserem Plusenergiehaus heute bereits fast erreicht und mein Solarmobil fährt mit drei Quadratmetern Solarzellen rund 10.000 km jährlich im Netzverbund ganz ohne CO2 und Feinstaub. Eine Reduktion der CO2-Emission um wenige Prozentpunkte, wie sie etwa das Kyotoprotokoll festschreibt, reicht absolut nicht aus, denn die Erde erwärmt sich dann trotzdem weiter, wenn auch langsamer.